| September
1998 - Bodensee und Hochrhein Wankelmütiger Petrus... |
![]() |
| [ Hier gibt's den Bericht als PDF-File (27 KB) zum Download ¦ Zurück zum Menü ] |
|
Im Frühsommer 1998 reisen wir in die Bretagne, um mal wieder eine Weile so “richtig” am Meer zu sein. Leider müssen die Räder zuhause bleiben, weil wir mit dem Zug dorthin reisen. Im September wollen wir jedoch noch eine Radreise unternehmen. Margrit hat aber nur mehr eine Woche Urlaub, deswegen planen wir Folgendes: wir werden ein Wochenende am Bodensee Radfahren, Margrit wird am Montag dann wieder nach Zürich zurückreisen und in die Arbeit gehen. Ich werde dann ein paar Tage alleine am Bodensee verbringen und in meiner zweiten Urlaubswoche wollen wir dann zusammen von Zürich aus die neu ausgeschriebene Mittellandroute Richtung Genf fahren.
Ähnlich wie vor einem Jahr ist es eine bewegende
Sinfonie in Blau! Der See ist spiegelglatt, kein Lüftchen regt sich. Aber
es ist wieder recht kühl, deswegen trinken wir am Lindauer Hafen diesmal
keinen Kaffee, sondern Tee, als wir in einem Strassencafé sitzend die
Touristenscharen beobachten, die die Passagierboote besteigen oder gerade
ankommen. Wir beschließen, bis Friedrichshafen weiterzuradeln, dort dann
das Schiff zurück nach Bregenz zu nehmen. Als wir wieder unterwegs sind,
gesellt sich zur recht niedrigen Temperatur noch ein frischer Wind dazu.
Die Strecke ist uns hinlänglich bekannt, es
geht durch Wohnsiedlungen, an Seepromenaden entlang und durchs Eriskirchner
Ried, bis wir am Nachmittag Friedrichshafen erreichen. Die Rückfahrt nach
Bregenz ist ein wahres Naturschauspiel: die tiefer sinkende Sonne taucht
alles in ein mildes Licht, der tiefblaue See ist von den Segelbooten weiß
gesprenkelt und als wir am orientalisch anmutenden Schloß Montfort vorbeiziehen,
fühle ich mich in ein südliches Land versetzt.
In Meersburg nehmen wir nochmals eine große Menschentraube auf, die hinüber zur Insel Mainau will, das wir als nächste Station ansteuern. Danach wird es wieder ruhiger, wir nähern uns Konstanz und als wir unter der sich langsam drehenden Imperia dahingleiten, bereite ich mich aufs Ausladen vor. Bevor ich mich an Land in den Sattel schwinge, erstehe ich an einem Kiosk eine Telefonkarte und eine Packung Kekse. Mittag ist jetzt schon vorbei, als ich mir den Weg durch den Konstanzer Stadtverkehr suche. Nach der Altstadt kommen wie heutzutage üblich die unansehnlichen Gewerbegebiete, doch bald radle ich an der Nordseite des Untersees entlang. Die Insel Reichenau grüßt linker Hand herüber, ich bin gut gelaunt, deswegen macht es mir gar nichts aus, daß ich an einem Radweg entlang der Bundesstraße geführt werde. Auch hier ist ein Zugang zum See nur ab und zu möglich. Kurz vor Allensbach jedoch zweigt ein unbefestigter Weg von der Bundesstraße ab. Super! denke ich, aber als ich ein paar Meter auf diesem Feldweg gefahren bin, höre ich ein verdächtiges Geräusch (”Plopp”) und sofort schleift der Hinterreifen an den Bremsen. Das kenne ich doch von irgendwoher! Richtig, als ich mir die Sache ansehe, bemerke ich schon wieder eine gebrochene Speiche und den damit verbundenen Achter. Was nun folgt, ist unter der Rubrik “Glück
im Unglück” einzuordnen: in Allensbach finde ich eine Fahrradwerkstatt,
die geöffnet hat und mir den Schaden sofort behebt - als Reiseradler genießt
man am Bodensee anscheinend Vorrechte! Jedenfalls
ist in einer halben Stunde alles erledigt, ich bekomme sogar eine Übernachtungsmöglichkeit
hier im Ort empfohlen. Das würde mich einerseits schon reizen, weil man
von dieser Seeseite aus bestimmt den Sonnenuntergang gut sehen könnte.
Aber es ist mir zu früh. Den ganzen Vormittag habe ich auf dem Schiff
verbracht, ich verspüre jetzt einfach noch Bewegungsdrang. Aber ich will
nicht viel Zeit mit der Zimmersuche verbringen, deswegen reserviere ich
mir ein Zimmer im “Sunnehof” in Gaienhofen voraus, bevor ich mich wieder
auf den Weg mache. In Radolfszell pausiere ich auf der Seepromenade und
bevor ich in Gaienhofen eintreffe, radle ich in der Spätnachmittags- sonne
am Untersee entlang, mit den Vulkankegeln des Hohenstoffeln und des Hohentwiels
im Rücken. Mein Zimmer erweist sich dann als rechte Rumpelkammer, ich
kann mich kaum umdrehen, aber es ist preisgünstig, was mir nach dem exklusiven
Bregenz ganz gut bekommt. Abends sitze ich in der Wirtsstube, verzehre
ein Pfeffersteak mit dem vom Wirt empfohlenen Spätburgunder Weisherbst
von der Insel Reichenau und lasse bei Schlagermusik vom Radio den heutigen
Tag nochmals an mir vorüberziehen. Dienstag, 22. September - Gaienhofen
bis Hohentengen (76 km) Ich bin inzwischen ein alter R(h)einfall-Hase,
darum radle ich ohne großen Aufenthalt am Wasserfall vorbei, bis ich das
Kloster Rheinau erreiche. Dort halte ich mich auf dem Vorplatz eine Weile
auf und schaue mir das Gebäude von außen an, kann mich aber nicht so recht
zu einer Besichtigung der Innenräume durchringen. Bis Eglisau möchte ich
die linke Rheinseite hinunterfahren, die ist mir nämlich unbekannt. Da
führt der Weg alsbald durch den Auwald, dann muß ich nach der Ortschaft
Flaach den Irchel hinaufstrampeln (auf der anderen Bergseite in Serpentinen
bergab), bis ich den Zusammenfluß der Töss mit dem Rhein erreiche, ein
wahrhaft nettes Fleckchen Erde. ![]() ![]()
Eine Jugendgruppe überholt mich mir ihren Rädern, als ich gerade, in launiger Betrachtung versunken, einen Apfel vertilge. Ein paar Minuten später sehe ich die jungen Radler am Wegesrand stehen und einen Schlauch flicken. Der “Anführer”, ein Jugendarbeiter, hat keine passende Luftpumpe dabei, ich aber schon, und so mache ich eben nochmals ein Päuschen und habe noch ein nettes Pläuschchen... Jetzt komme ich wieder durch bekanntes Gebiet:
Eglisau, das Rafzer Feld - ich fahre inzwischen wieder rechtsrheinisch.
Langsam mache ich mir Gedanken über eine Bleibe für die Nacht. Ich würde
mir heute gerne etwas Komfortableres suchen, denn nach dem gestrigen Wohnklo
und der kalten Tagesetappe sehne ich mich nach einem gewissen Grad an
Gemütlichkeit. Die etwas teureren Hotels in der Umgebung sind jedoch ausgebucht,
was ich finde, ist eine Privatpension zu einem günstigen Preis. Aber mir
wird schnell klar, daß ich gar keine Wahl habe und froh sein muß, wenn
ich überhaupt was bekomme. Naja, als ich in Hohentengen, meinem Etappenziel,
ankomme, entpuppt sich das vorbestellte Zimmer als ausgebauter Keller.
Aber ich habe eine Heizung und Dusche und zahle nur 30,-- DM inkl. Frühstück.
Wenigstens kommt abends noch die Sonne durch. Ich lustwandle noch eine
zeitlang am Rhein und gönne mir abends ein hervorragendes Abendessen in
einem Fischrestaurant.
Lauter Bilderbuchstädtchen säumen meinen Weg:
Laufenburg zum Beispiel, oder Bad Säckingen, wo ich am Marktplatz eine
Gulaschsuppe esse, während eine bulgarische Volksmusikgruppe ein Ständchen
gibt. Solchermaßen kulinarisch wie seelisch gestärkt, rolle ich gut gelaunt
am Flußufer dahin, ach, was ist es doch wunderbar, unterwegs zu sein!
Ich nähere mich dem Einzugsgebiet von Basel, als ich während der Durchfahrt
durch den Innenhof von Schloß Beuggen einen Platten fahre - diesmal am
Vorderrad. Nun, das ist jetzt wirklich nicht schlimm und während ich immer
noch guter Dinge meinen Schlauch wechsle, beobachte ich neugierig ein
junges Paar, daß sich am Wegesrand ein heftiges Wortgefecht liefert. Da
stecke ich nun lieber in meiner Haut... Nach kurzer Zeit erreiche ich
bei immer stärker werdendem Verkehr Rheinfelden, nochmals eine Stadt aus
dem Bilderbuch. Ich entschließe mich, auf die paar Kilometer nach Basel
zu verzichten, die ohnehin an der Bundesstraße entlang führen und nehme
von hier aus den Zug nach Zürich. Froh und zufrieden setze ich mich in
den Gepäckwagen neben mein Velo und freue mich auf die kommenden Tage.
Doch leider wird nichts aus der geplanten Reise nach Genf, denn Petrus
öffnet am nächsten Tag seine Schleusen und beschert uns einen naßkalten
Herbst, ich komme nicht mal mehr dazu, das Fahrrad zu reinigen...
|
| [ nach oben ¦ zurück zum Menü ] |
|
|