Hier gibt's den kompletten Reisebericht ohne Fotos als PDF-File (121 KB)


Also gut. (Schon?) wieder Bodensee. Fällt uns nichts anderes mehr ein? Fiele schon! Natürlich! Doch Ostern und Bodensee sind eben zwei Termini, die für uns gut zusammenpassen.

Man halte sich einfach mal vor Augen:
a) kurze Anreise (sowohl per Velo als auch per Zug)
b) prima Radlrevier und
c) wir mögen diese Gegend sehr gerne.

Und Letzteres ist doch das Killer-Argument schlechthin! Ursprünglich wollten wir, wie auch vor einem Jahr schon, im Seehotel zur Münz in Meersburg residieren, von dort aus mit dem Velo Tagestouren unternehmen und bei schlechtem Wetter die Meersburg Therme heimsuchen, geniessen, wellnessen und so weiter und so fort - also im Prinzip eine Neuauflage des Osterwochenendes 2006. Doch irgendwie bekomme ich das mit der Zimmerreservierung (das nehme ich im Februar schon in Angriff) nicht geregelt und verpasse den richtigen Zeitpunkt - und schliesslich ist das "Münz" ausgebucht. Nun gut, wohl ein Schink des Wicksals, die Götter haben anscheinend Besseres mit uns vor, und wir beide, wir haben plötzlich keine rechte Lust mehr auf weitere Unterkunftsuche. Dann bleiben wir halt mal an Ostern zuhause, geht ja auch.

Als sich jedoch zu Beginn der Karwoche die Wetterfrösche in den Medien angesichts des bevorstehenden Osterwetters rein gar nicht mehr einkriegen, läuft mir das Wasser dann doch im Munde zusammen. Klar, von Zürich aus könnte man AUCH schöne Tagestouren unternehmen, aber das ist eben nicht dasselbe wie ein handfester Kurzurlaub: übernachten im Hotel, abends amtlich Essen gehen, etc. Sowas riecht halt doch schon ein wenig nach grosser Reise (wenn auch nur ein ganz klein bisschen…). Jedenfalls, eingedenk der Wetterprognosen, frage ich mal vorsichtig im Hirschen in Ramsen und im Parkhotel Waldau in Rohrschach nach, ob man für uns zufälligerweise noch ein Zimmerchen frei hätte. Erstaunlicherweise hat man das an beiden Orten. Nun, das war wohl die Überraschung, die das Universum für uns aufgehoben hat...

Und mir passt das jetzt so dermassen ins Konzept, ich kann's gar nicht in Worte fassen! Ich bin eh nach der Winterpause so radreisegeil wie schon lange nicht mehr! Und dann natürlich das neue Trike! Das will doch vor allen Dingen mal auf Radreisetauglichkeit getestet werden! Da will ich doch sehen, was geht und wie ist und wie läuft! Ich bin sowieso immer noch erstaunt, dass ich so schnell zu dem Scorpion gekommen bin, irgendwie wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kinde. Eigentlich hatte ich mir neulich ja nur überlegt, die Streetmachine Gt jetzt endlich doch noch zu verkaufen. Nichts gegen dieses Rad als solches, es ist für seinen Zweck, nämlich Radreisen mit viel Gepäck, wirklich wie massgeschneidert. Aber man zahlt dafür eben mit fehlender Agilität und irgendwie sind mir meine beiden anderen Liegevelos inzwischen lieber. Und Zelten ist im Moment auch nicht mehr unser Ding.

Also gut. Der Anruf bei meinem Velohändler war zuerst nur eine Laune des Augenblicks (gewissermassen in Erinnerung an eine kurze Probefahrt im letzten Jahr). Das Ergebnis dieses Telefonates: ein nagelneuer Scorpion wäre auf Lager, noch kartonverpackt, könnte für mich fahrfertig gemacht werden und, klar, natürlich dürfte ich eine Tagestour mit dem Teil unternehmen! Nach etwa 50 Kilometern auf dem Trike ging's dann sehr schnell: Preisdifferenz für den Tausch meiner 3 Jahre und 8000 Kilometer alten Streetmachine GT ausgehandelt, Termin für die Fertigmontage und Übergabe ausgehandelt, Handschlag, und auf einmal war ich Besitzer eines funkelnagelneuen orangefarbenen Dreirades…ohne Lieferzeit…und jeder Kilometer von mir selbst gefahren, also kein Vorführmodell. Naja, das ist zwar nicht ganz so wichtig, aber trotzdem… Ausserdem habe ich mich entschlossen, ohne Tachometer unterwegs zu sein. Ich beobachte mich schon seit längerem, wie ich mich eher an der Zahl auf dem Display des Velocomputers orientiere, als an meinem eigenen Gefühl für die gefahrene Geschwindigkeit. Ich möchte versuchen, mal wieder nach Intuition oder nach Lust und Laune zu radeln. Auch beim Reisen. Generell geht's mir darum, meinen Reisestil zu ändern und tiefer in etwas vorzustossen was ich gar nicht richtig benennen kann. Vagabundentum? Traumtänzerei? So diese Richtung auf jeden Fall. Mehr der eigenen Nase nach, planloser radeln, sich lieber treiben lassen und nicht am Ende einer Tagesetappe den Tag nach der Kilometerleistung bewerten. Das hat sich zwar in den letzten Jahren schon um einiges gebessert, ich bin nicht mehr ganz so unruhig und nervös wie ein junges Fohlen, dass man endlich aus dem Stall läst (bin ja inzwischen auch nicht mehr der Jüngste), aber das alles könnte noch launiger und relaxter werden. Nun, jedenfalls weiss ich wegen des nicht vorhandenen Tachos nun nicht, ob das Trike schnell oder langsam ist. Und es interessiert mich auch nicht. Ich fahre es mit wachsender Begeisterung.

Man kann mir durchaus unterstellen, dass ich alle meine neuen Velos erstmal am Bodensee hin und herhetze. Und wahrscheinlich ist da sogar was dran. Alle Neuanschaffungen der letzten Jahre, die Streetmachine GT, die Speedmachine und jetzt der Scorpion, haben alle ihre ersten Mehrtagestouren mit Gepäck hier in dieser Gegend "bewältigt". Doch zurück zum anstehenden Wochenende.

Karfreitag. Von Zürich bis nach Ramsen.
Margrit überrascht mich heute morgen, als sie mit der Idee angetanzt kommt, wir könnten doch gleich von der Haustüre aus losziehen und die ganze Strecke bis nach Ramsen radeln (zuerst war geplant, dass wir die 75 km lange Strecke abkürzen und ein Stück mit der S-Bahn fahren). Meinetwegen. Lass uns unsere Kondition testen, das Zusammenspiel von Margrits Delite und dem Trike erkunden und überhaupt, es ist heute so schön draussen, dass man einfach sofort los und nicht noch in der S-Bahn sitzen will. Zwar ist es noch kühl, aber was macht das schon? Die Sonne…das blaue Firmament…der hellgrüne Flaum an Bäumen und Büschen, eine Ahnung von dem Grün, das uns die Natur in den nächsten Wochen bescheren wird.

Am Drahtzaun des Flughafens eine Banane verdrückt und den startenden Jets hinterher gegrinst. Ein mitleidiges Lächeln für all die armen Seelen, die jetzt, in solch eine Röhre gezwängt, ihr "Heil" in der Karibik oder auf den Malediven suchen. Der eigenen Eitelkeit Genüge getan und Fotos von mir und dem Trike geknipst und weiter geht's, immer der Glatt entlang. Es gibt Löwenzahnwiesen und die ein oder andere Rapspflanze lässt schon eine Spur von ihrer späteren Färbung erahnen. Man sieht schon, wie sich das warme Gelb des Löwenzahnes bald gegen das Zitronengelb der Rapsfelder abheben wird. Der starke Wintersturm von neulich - mir kommt der Name grad nicht in den Sinn - hat erschreckend viel Schaden angerichtet. Unglaublich, was da alles geknickt, schon umgesägt oder weggeschafft wurde. Hoffentlich wachsen diese Lücken bald wieder zu.

Natürlich sind wir heute nicht alleine unterwegs: schon an der Glatt werden wir von einer Radlergruppe überholt und als wir bei Eglisau an den Rhein gelangen und im Folgenden auf dem Rheinradweg noch Osten rollen, gesellt sich eine erkleckliche Zahl Gleichgesinnter zu uns. Viele sind mit Gepäck unterwegs. Ja, das Gepäck. Klar, bei drei Rädern schwankt und schlingt natürlich nichts, das Scorpion läuft auch mit den beiden Gepäcktaschen wie auf Schienen. Dafür sind Naturwege nicht so der Bringer. Da nur das Hinterrad gefedert ist, übertragen sich Bodenunebenheiten, grober Bodenbelag, etc., durch die Vorderräder auf den Fahrer. Schlaglöcher, tiefe Fahrrinnen und ähnliche Leckerbissen sind natürlich auch mit Vorsicht zu geniessen. Man muss halt dann das Tempo zurücknehmen. Ein Vorteil ist aber, dass man bei tiefem Untergrund nicht schlittern oder/und umkippen kann. Kaum hat man wieder Asphalt unter den Slicks, schon macht's wieder Spass. Ein Hindernis anderer Art ist die Treppe der Bahnhofsunterführung in Neuhausen am Rheinfall. Dort hat man zwar seitlich an der Wand eine vielleicht 20 cm breite Rampe samt Metallrinne hin gedingst, in der der Radler sein Vehikel zum Zwecke der Überwindung dieses Hindernisses einfädeln möge, das funktioniert jedoch schon bei einem Zweirad mit Gepäcktaschen nur bedingt, beim Trike heisst es eben Gepäck runter und alles einzeln runtertragen. Geht auch.

Es läuft gut heute. Schrieb ich das schon? Wir sind zwar rechtschaffen müde, als wir im Hirschen ankommen, aber bei weitem nicht so kaputt, wie wir uns das ausgemalt hatten. Auf jeden Fall haben wir die Strecke gut hinter uns gebracht. Frau Müller und Herr Neidhart, die Inhaber des Hirschen, bieten uns einen netten Empfang und…tja…bei dem Wetter kann man nicht anders, als sich zufrieden bei einem Glas Wein aus dem Nachbarsort in der Abendsonne zu räkeln. Und: es ist wirklich Frühling geworden - die Schwalben sind schon da!