Der gestrige Regentag war eindeutig einer zuviel. Das geht jetzt schon seit fast zwei Wochen so, und langsam sind wir es leid. Zudem verspricht der Wetterbericht keinerlei Besserung. Zumindest nicht hier im Nordwesten der Bretagne. An der Südküste sieht es dagegen ganz anders aus, dort soll nämlich der Sommer zurückkehren. Und wie wir wissen, liegt dort unten im Süden Carnac Plage, ein reizendes kleines Städtchen in einer relativ wettergeschützten Bucht. Wir disponieren kurzerhand um und düsen schnurstracks durch das Hinterland der Bretagne gen Süden. Der Norden gibt es uns nochmals so richtig und verabschiedet uns mit dichtem Nebel. Als wir jedoch die Monts d'Arrée, einen Gebirgszug im Binnenland, hinter uns gelassen haben und uns der Südküste nähern, klart es auf. Carnac Plage begrüsst uns mit blauem Himmel und sommerlichen Temperaturen. Wer hätte das gedacht?

Wir sind recht speditiv, rollen direkt zur Touristeninfo, und ein paar Minuten später haben wir eine Ferienwohnung für die kommende Woche angemietet. Und für die Nacht von heute auf morgen - denn die Ferienwohnung wird nur wochenweise von Samstag bis Samstag vermietet - ein Hotelzimmer mit Blick aufs Meer. Nun wird etwas Ruhe in unser Nomadenleben eintreten.

Unsere Ferienwohnung befindet sich in der Mansarde einer Villa aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert, gerade zwischen dem Meer und dem Ortszentrum von Carnac Plage gelegen. Die ersten Tage sind noch richtig heiss und ich feiere Premiere: Ich schwimme im Atlantik. Das hab ich noch nie getan. Um noch eins drauf zu setzen, gebe ich auch noch den Badetouristen und erstehe zum Schutz gegen unseren Fixstern einen Strohhut und für den Strand Flip-Flops. Ausserdem werden meine Haare doch noch gestutzt, und zwar im Salon "Louise B.", wo eine Studentin aus Rennes, die hier ihren Ferienjob absolviert und die Haare der Kunden wäscht, der leider monoglotten Friseuse meinen Frisurwunsch übersetzt. Immerhin tausche ich mich mit ihr, also der Friseuse, dann doch noch bezüglich unserer Wohnsituation aus. Sie liebt die Berge, lebt aber am Meer. Ich dagegen schwärme für die See, lebe aber (fast) am Fuss der Berge. Welch Tragik...

Jetzt, Ende August, ist hier natürlich weitaus mehr los, als wir es von unserem Frühjahrsaufenthalt her gewohnt sind. Es ist das letzte Wochenende vor der Rentrée, dem Ende der Schulferien und dem Beginn des neuen Schuljahres. Um den Touristen etwas zu bieten, wird am Strand gemässigt animiert. Wir bekommen noch den Schluss der allerletzten Zumba-Lektion dieser Saison mit. Da juckt es einen durchaus selber in den Beinen. Leider sinken die Temperaturen pünktlich mit dem Abwandern der Familien mit schulpflichtigen Kindern. Aber es bleibt doch noch warm genug für den täglichen Badegang.

Die Gegend hier kennen wir inzwischen fast wie unsere Westentasche. Was durchaus positiv gemeint ist. Wir besuchen zu Fuss oder mit dem Leih-Fahrrad unsere Lieblingsplätze, die Steinreihen von Carnac, den Tumulus St. Michel, das Hinterland, La Trinité-sur-mer, beobachten die Muschelsucher mit ihren Eimern und Grabwerkzeugen während der Grande Marée.

 

Es gibt natürlich immer noch eine Menge zu entdecken, zum Beispiel ein hervorragendes Restaurant mit Innenhof im asiatischen Stil (samt einem Bottich voller Kois). Hier ereignet sich auch eine folgenschwere Begegnung: Auf der Herrentoilette begegne ich einem japanischen Touristen, der seinen Mageninhalt wieder von sich geben musste und gerade mit Toilettenpapier die Spuren dieses Malheurs zu beseitigen versucht. Zuerst denke ich, dass der geplagte Herr vielleicht das Essen hier nicht vertragen hat, doch ein paar Tage danach wird mir klar, dass wohl ein Magen-Darm-Virus der Übeltäter war. Später mehr davon.

Aus dem Land der höflichen und zuvorkommenden Menschen gibt es (nach dem Besuch der Ortschaft Quintin) noch einen zweiten Vorfall zu berichten, über den wir nur den Kopf schütteln können. An einem der Ferientage in Carnac beschliessen wir, einen Ausflug nach Gavrinis zu unternehmen. Auf dieser Insel im Golfe du Morbihan gibt es ebenfalls ein prähistorischen Grabmal zu besichtigen, und zwar mit interessanten Gravierungen im Inneren der Grabkammer. Man muss dazu mit dem Boot von Larmor-Baden aus übersetzen. Wir reservieren telefonisch das Ticket, fahren nach Frühstück zeitig los und besichtigen auf dem Weg dorthin noch unseren "Lieblingsdolmen", der mitten in einem Waldstück liegt. So kommen wir kurz nach halb zwölf in Larmor-Baden an, parken das Auto und marschieren zum Ticketschalter am Hafen. Dort will man uns partout die Billets noch nicht aushändigen, obwohl die junge Dame hinterm Tresen absolut nichts zu tun hat und wir die einzigen Personen im Raum sind. Meinetwegen. Wir tigern zurück in den Ort und kommen (es ist ein paar Minuten vor zwölf) an einer Crêperie vorbei. Dort will uns der Wirt nicht auf die Terrasse lassen, damit wir schon mal Platz nehmen und die Speisekarte oder eventuell Mitgebachtes, wie beispielsweise Buch oder Landkarte, studieren können. Sein "non, c'est ne pas possible!", ziemlich unfreundlich vorgetragen, verschlägt uns die Sprache. Auch beim zweiten Versuch zu einem Mittagessen zu kommen, diesmal in einem anderen Restaurant dieser Ortschaft, will uns die Wirtin wie demonstrativ nicht bemerken und unterhält sich mit ihren Leuten. Nach einiger Zeit ruft sie dann doch, sichtlich genervt, von der Theke aus zu unserem Tisch herüber, was wir denn hier wollen. Äh…essen natürlich, ist ja immerhin Mittagszeit. Schliesslich bringt sie uns dann doch die Speisekarte. Aber wir ziehen lieber Leine. Man hat ja auch seinen Stolz und will sich nicht alles bieten lassen. Unfreundliche Wirte sollen sich ihr Einkommen von anderen Gästen erwirtschaften. Inzwischen haben wir auch keine Lust mehr auf eine Besichtigung von Gavrinis und fahren nach Hause, machen einen Zwischenstopp in einem Restaurant in La Trinité-sur-mer, und haben unsere gewohnte französische Höflichkeit und Gastfreundlichkeit wieder.

Dieser kleine Vorfall trübt jedoch unseren Aufenthalt in keinster Weise, wohl wissend, dass die Menschen letztendlich doch überall gleich sind, und es immer angenehme Zeitgenossen gibt und solche die es eben nicht sind. Unsere Ferienwoche in Carnac vergeht jedenfalls wie im Flug, und bald kommt die Zeit der Rückreise.

 
       
   
Carnac Plage Ende August - da ist natürlich mehr los als im Mai...  
   
...doch der Besucherandrang an den Stränden bleibt überschaubar.  
   
Lieblingsplätze: Der Tumulus St. Michel...  
   
..mit dem Rundumblick...  
   
...die Lagune zwischen Carnac und La Trinité-sur-mer  
   
...der Dolmen im Wald...  
   
...der Golfe du Morbihan.  
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