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Samstag, 15. August 2009

Anreise von Zürich nach Chartres

         
Um fünf Uhr klingelt der Wecker. Draussen ist es noch dunkel und sternenklar. Es folgt das übliche Prozedere: Die Luken dicht gemacht und hinunter zum Hauptbahnhof geradelt. Eigentlich hatte ich ein richtiges Veloabteil im TGV erwartet, zumal man uns beim Ticketverkauf erzählte, es würden auf der Strecke Zürich-Paris andere Waggons eingesetzt als auf den anderen TGV-Strecken. Also - in meiner Fantasie - solche mit Haken für die Räder und dergleichen. Doch man hat lediglich vier Sitze längs so angeordnet, dass sie sich bei Bedarf umklappen lassen und somit Platz für (ja, für wieviel eigentlich?) Velos bieten. Egal, wir mussten eh reservieren und haben unsere Plätze auf sicher.

Das schwarze Flux ist kaum länger als Margrits Rad und alles passt sehr gut. Unsere Sitzplätze sind gleich nebenan und so haben wir die ganze Chose schön im Blick. Wenn das so einfach geht! Mitten ins Herz Frankreichs in einem Rutsch! Doof ist nur die Fensteranordnung in diesem Abteil: zwei Längsschlitze sind so unglücklich platziert, dass ich entweder aufstehen oder mich fast flach hinlegen muss, um das draussen im TGV-Tempo vorbei ziehende Land zu sehen.

Kurz vor Mittag kommen wir in Paris Gare de L'Est an, sind erst mal ganz benommen vom "Kulturschock" und machen uns auf dem Weg zum Gare Montparnasse, von wo aus unser Zug nach Chartres abfährt.

 

 
 
Schon irgendwie cool, so durch Paris zu radeln. Heute ist ausserdem ein Feiertag und die Strassen und Boulevards der grossen Stadt sind erstaunlich ruhig. Auch am Centre Pompidou klicken die Kameras erstaunlich weniger Touristen. An der Seine jedoch ist die Hölle los. Vor der Notre Dame herrscht Gedränge, man steht Schlange für die Mutter aller Kirchen. Auf der anderen Flussseite wird's umso ruhiger, je weiter man sich von den absoluten Touristenmagneten der Stadt entfernt. Bald sitzen wir im Zug nach Chartres, in einem dieser modernen TER-Züge, bei denen man die Räder ebenerdig hinein schieben kann.

In Chartres empfängt uns strahlender Sonnenschein - kombiniert mit erstaunlich hohen Temperaturen: Sage und schreibe 38 Grad zeigen die Thermometer hier an


Dementsprechend "klimatisiert" ist dann auch unser Hotelzimmer. Da ist nicht mehr viel los mit uns an diesem Nachmittag: noch die Kathedrale besichtigen und anschliessend im Schatten vor einem Bistro versacken und das Treiben ringsum betrachten. Halt alle Fünfe gerade sein lassen, denn Zugfahren macht auch müde und die Nacht war dann doch kürzer als normal. Chartres ist ein bekannter Pilgerort (der Jakobsweg geht hier durch oder beginnt hier) und heute, an Maria Himmelfahrt, findet nachmittags noch eine Prozession statt. Wie all die religiösen Würdenträger bei dieser Hitze unter ihrem reichhaltigen Ornat schwitzen mögen? Ist schon ein beeindruckendes Bauwerk, die Kathedrale hier. Frühgotik, noch nicht so elegant wie die späteren Döme, dafür aber wuchtiger und archaischer wirkend.

Der Nachmittag geht in den Abend über, zwei Gitarristen spielen soften instrumentalen Jazz vor einer der vielen Bars und plötzlich ist der Vorplatz der Kathedrale in das "Mon Oncle"-Flair von Jacques Tati getaucht. Es wird auf dieser Reise nicht die einzige Reminiszenz an Tati bleiben. Anreise und Hitze machen uns müde und wir verziehen uns bald nach Einbruch der Dunkelheit in unser Zimmer, immer noch in der Hoffnung, angesichts dieser Temperaturen wenigstens etwas Schlaf zu finden…