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Dienstag, 18. August 2009

Von Oucques nach Onzain (59 Km)

         
Was in Frankreich auffällt - das ist zumindest unsere individuelle Erfahrung - ist eine gewisse Toleranz. Gerade im Strassenverkehr. Klar, jeder will so schnell wie möglich vorankommen, aber man scheint sich nicht so sehr über die Behinderung durch andere Verkehrsteilnehmer zu ärgern, wie man es hier zu Lande tut. Man spürt nicht diese geballte Aggressivität der Autofahrer im Rücken, wenn sie wegen einem bremsen müssen und man bekommt auch nicht deren Verachtung zu spüren, die sich dadurch ausdrückt, dass man beim Überholen heftiger als nötig auf das Gaspedal steigt und dem Radfahrer möglichst viel Motorenlärm oder Abgase an den Kopf pustet. Liegt's an der Mentalität der Grande Nation oder vielmehr daran, dass man in Frankreich als Radfahrer einen anderen Stand hat, weil Radfahren hier als Nationalsport gilt?

Wie schon früher erlebt, grüssen die Rennradfahrer sehr zuvorkommend und sind manchmal zu einem Schwätzchen bereit, was zuhause so gut wie nie vorkommt. Am letzten Tag hab ich in Paris auch noch grinsende Busfahrer erlebt, die uns elegant den Vortritt liessen und sich beim Anblick des Liegerades amüsierten. Hier in Zürich hat mich dagegen mal ein Busfahrer ziemlich wüst beschimpft, weil ich mit einem Liegerad unterwegs war. Er stand auf der gegenüberliegenden Strassenseite an einer Haltestelle und sah mich schon von weitem kommen und als ich auf gleicher Höhe war, schrie er mir aus dem Fenster zu, man sollte so Leute wie mich einsperren…

Klaro, ich neige natürlich auch zur Intoleranz. Bin ja kein Franzose. Ich kann zum Beispiel die mutwillige Störung meiner Nachtruhe nur äusserst schlecht ertragen, vor allem wenn ich mich in einem Hotel befinde, das speziell auf Stille ausgerichtet ist. Wir haben uns gestern im Ort Onzain telefonisch ein Zimmer reserviert und zwar im Chateau des Tertres. Das ist eine Art Bed & Breakfast Betrieb, der zu der Hotelkette "Relais du Silence" bzw. "Silence Hotels" gehört.

Das Chateau liegt adrett auf einer kleinen Anhöhe, natürlich, wie sich's gehört, mit einem kleinen Park. Man fährt eine schräge Auffahrt hinauf, wo es Liegestühle und kleine Tischchen auf der Rasenfläche im Freien gibt. Man kann auf der Schlossterrasse was trinken, hat einen Blick über's Loiretal und die Zimmer sind recht gross und stilvoll eingerichtet. Unser Zimmer liegt im ersten Stock direkt über der Terrasse mit Blick auf das Loiretal.
 
 
Und man kann angesichts der momentanen Hitze einfach nicht mit geschlossenen Fenstern schlafen.

Was passiert? Abends um 22 Uhr setzt sich eine deutsche Familie mit zwei Kindern auf die Terrasse direkt unter unser Fenster, organisiert sich von irgendwo noch eine Kerze und eine Flasche Wein und fängt lautstark das Kartenspielen an. Ich fasse es einfach nicht! Bis zwölf Uhr reicht unsere Toleranz, schliesslich macht sich Margrit so diplomatisch, wie es eben noch geht, bemerkbar und erntet zwar einerseits Kichern der Störenfriede, aber die Gesellschaft zerstreut sich dann doch.

Ich hab wirklich Mühe, mich in die Köpfe dieser Leute zu versetzen (ähnliches ist mir auf meiner Frühjahrstour in der Fränkischen Schweiz passiert). Normalerweise müsste einem das grosse Messingschild "Relais du Silence" am Eingang und bei der Rezeption doch sofort ins Auge springen. Und wenn nicht das, dann doch die ruhige und gediegene Atmosphäre ringsum. Aber eben, ich bin ja intolerant und verständnislos.

Themawechsel. So war die heutige Etappe: Diesmal kein Nebel, sondern Sonnenschein schon am frühen Morgen. Dafür aber erstmal kühle Temperaturen, die Nacht war wohl ebenfalls wolkenlos und damit kühler als die letzten Nächte. Im Prinzip geht's heute genauso weiter, wie es gestern endete, mit abgeernteten Getreidefeldern bis zum Horizont. Doch es läuft heute sehr gut und wir kommen gut voran. Auch unterstützt der Wind erneut und schiebt meist von hinten ein klein wenig nach.



So rollen wir durch all die Dörfer mit ihren halbverfallenen oder teilweise renovierten Natursteinmauern, sehen den ein oder anderen antiken R4 oder noch eine Diane oder Kastenente (in der Scheune des gestrigen Hotels stand ein mit einer Plane abgedeckter MG Sportwagen) in den Höfen vor sich hin rosten, kommen an weissen Wassertürmen und trutzigen Kirchlein vorbei. Und allmählich mischen sich auch mehr Sonnenblumenfelder und sogar Wiesen in die Getreidemonokultur. Und man sieht auch wieder mehr Vögel, ein paar Turmfalken und sogar zwei Weihen. Hinter Herbault wird es etwas hügeliger und ansatzweise grüner und die Landstrasse verläuft kurvenreich bis hinunter ins Loiretal.

Gegen Mittag checken wir im Chateau des Tertres ein und weil unser Hotel über kein Restaurant verfügt, machen wir uns nach der Siesta erstmal auf die Suche nach diesbezüglicher Infrastruktur. Inzwischen ist es wieder extrem heiss geworden und nach dem kühlen Zimmer ist das erstmal ein Schock. So radeln wir etwas benommen runter zum Fluss und queren diesen, denn auf der anderen Flussseite liegt Chaumont und vielleicht kann man ja dort in einem Park unter Bäumen etwas essen oder so. Aber das was wir dort vorfinden, entspricht nicht so ganz unseren Vorstellungen. Eintritt muss man nicht nur für das Schloss, sondern auch schon für die dazu gehörigen Grünanlagen zahlen und im Ort selber sind wir plötzlich mit Hochtourismus konfrontiert. Laut ist es. Heiss ist es. Hektisch ist es. Wir kehren um und radeln wieder zurück, kaufen uns im Supermarkt diverse kalt zu essende Fertiggerichte und speisen dann im Zimmer. Wegwerfgeschirr auf Stilmöbel, so muss es sein…

Anschliessend ein entspannter Spätnachmittag/Abend auf den Liegestühlen vor dem Chateau. Und eigentlich auch eine schöne Nacht mit Sternenhimmel, bis dann die unerwünschte Beschallung kommt.