So einfach kann's gehen: Man legt den schwersten Gang ein, dreht das rechte Pedal nach oben, klappt den Hinterbau ein und schiebt die Sattelstütze ganz nach unten, legt die Vorderradschwinge um und schliesslich noch den Vorbau. Dann stülpt man die Schutzhülle drüber, damit alles schön sauber ist und verstaut das Birdy in der Gepäckablage eines Schnellzuges, vorzugsweise eines TGV, der einen tief ins Herzen Frankreichs bringen wird (natürlich sollte man auch die Packtaschen und die Lenkertaschen nicht auf dem Bahnsteig vergessen, ist ja klar). Dumm nur, dass sich ausgerechnet heute während der Fahrt von der Wohnung zum Bahnhof meine Regenhose - jahrelang eine treue Dienerin - verabschiedet und den Regen durchlässt als wäre sie aus stinknormalem Stoff gefertigt und nicht aus gewissem atmungsaktiv-wasserdichtem Textil geschneidert. Das fängt ja gut an, könnte man orakeln. Nehmen wir es als gegeben hin, dass alles eben mal zu Ende geht oder verschleisst, auch fünfzehn Jahre alte und viel gebrauchte Regenklamotten...

Er ist eh nur ein lokales Phänomen, der heutige Regen, denn als wir gut eineinhalb Stunden später hinter Mulhouse unser Essen im Zug serviert bekommen, strahlt die Sonne von einem blauen und fast wolkenlosen Firmament. Und um die Mittagszeit sind wir dann schon in Dijon und klappen uns auseinander.

Es ist kaum was los auf dem Bahnhofsplatz, ein paar Fahrschüler, der ein oder andere Tourist, keine Hektik, kaum Verkehr. Da kann man sich in Ruhe den Weg aus der Innenstadt suchen, ohne dass man angehupt wird oder jemand ungeduldig drängelt, was wir in Frankreich eh nur äusserst selten bis gar nicht erlebt haben. Zwei junge Damen auf dem Rennrad warten geduldig, bis sie uns auf dem schmalen Radweg überholen können und grüssen dann freundlich und wünschen uns eine gute Tour, bei uns zuhause ein No-Go, wie man so schön sagt. Ein Rennradfahrer oder Mountainbiker in der Schweiz würde sich dazu nie herablassen, wäre ja völlig uncool. In Frankreich betrachtet man sich dagegen eher als gleich gesinnt, frönt man doch gewissermassen derselben Lust, wenn auch in anderer Variation.

 

Jedenfalls zieht sich das mit Dijon und den daran angeklebten Vorstädten schon eine Weile lang hin. Ich will zwar nicht von "endlos" sprechen, aber bis wir hinter Marsannay-la-Côte schliesslich freies Feld erreichen, dauert es geraume Zeit. Wir radeln auf der kleinen D 122 nach Süden und freuen uns über diese weite und offene Landschaft, die sich linker Hand ausbreitet. Rechts dagegen zieht sich eine bewaldete Hügelkette in Nord-Südrichtung entlang. Und überall viel Weinanbau. Die Gegend hier gehört zu den bekanntesten Weinregionen Frankreichs, es ist die Côte-d'Or.

Es bläst ziemlich heftig aus der Gegenrichtung, so kommen wir nur relativ langsam voran. Nach einer Pause in Nuits-Saint-Georges bauschen sich zudem auch noch Gewitterwolken auf und beglücken uns mit etwas Regen. Die paar Tropfen sind uns prinzipiell eher egal, wichtiger ist die Strassenführung. Für eine Weile müssen wir nämlich auf die grosse schwerverkehrige N 74, bevor wir bei Prémaux-Prissey wieder ruhigere Wege - die D 20f - finden. Hinein nach Beaune wird's nochmal heftig, denn wir kommen ausgerechnet zur Rush hour an. Ganz schön viel los hier.

Abends, als wir nach dem Einchecken durch die Altstadtgassen streifen, ist es kühl geworden. Zusammen mit dem Windchill-Effekt ist es sogar richtig ungemütlich. Aber wenn man in "zweiter Reihe" vor einem Restaurant oder einer Bar sitzt und von einer (Plexi-)Glaswand abgeschirmt wird, kann man es trotzdem ganz gut draussen aushalten. Und zum Beispiel die Fassade des Hôtel-Dieu bewundern. Auch wenn das Nebengebäude eingerüstet ist. Die Formensprache dieser Jahrhunderte, die die Gotik und Renaissance umfassen, ist einfach sehr ästhetisch.

Es war nicht ganz einfach, hier in Beaune ein Zimmer zu bekommen. So manches Hotel war ausgebucht und es brauchte einige Anrufe von zuhause aus, um noch was zu ergattern. Als wir die vielen Reisegruppen sehen, die abends hier noch unterwegs sind, wundert uns das nicht. Untergekommen sind wir letztendlich im Hotel Belle Epoque. Es liegt zwar an einer grossen Strasse, aber unser Zimmer zeigt auf den Innenhof hinaus und wir bekommen vom Stassenverkehr gar nichts mit.

 

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    Rechts die Weinberge der Côte-d'Or  
           
    ...  
           
    Blick nach links: Die Ebene des Saône-Tals  
           
    Pause in Nuits-Saint-Georges  
           
    Brauchen wir gleich die Regenklamotten?  
           
    Margrit zweifelt  
           
    Detail...  
           
    ...der eleganten Fassade des Hôtel-Dieu in Beaune  
           
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