Gleich am Morgen komme ich heute schon mit Gesetz in Konflikt: bei der Ausfahrt aus dem Hotel-Areal bin ich so mit der Routenführung und dem Auffinden eines Weges zur Aare beschäftigt, dass ich die auf rot stehende Ampel glatt übersehe. Naja, vielleicht bin ich auch noch nicht wach genug. Jedenfalls habe ich prompt ein Polizeifahrzeug neben mir, dass mich an den Strassenrand bittet. Man weist mich auf mein dreistes Vergehen hin, beäugt kritisch mein Rad und schon werden meine Daten an die Zentrale durchgegeben. Und genau Letzteres schlägt mir heute auf den Magen: kann man nicht einfach nur mal ein "normales" Verkehrsdelikt begehen, ohne dass man auf eventuelle Vorstrafen oder die Mitgliedschaft in einer internationalen Terrororganisation geprüft wird? Ich weiss nicht, ich kann heute nicht so recht damit umgehen und bin recht gallig, besonders weil der Polizist nicht grad der Freundlichste ist. Aber da meine Weste relativ weiss ist und er an meinem Rad beim besten Willen keine Gesetzwidrigkeit feststellen kann - ich hab ja sogar Beleuchtung und ganz brav meine Vignette - belässt er es bei einer Verwarnung und meint, ich solle mit so einem Rad ganz besonders aufpassen, man wird da leicht im Strassenverkehr übersehen. Naja, ich denke mir insgeheim, was man sich insgeheim da eben so denkt, und innerhalb weniger Minuten befinden wir uns auf einem angenehmen, asphaltierten Strässlein an einem Kanal entlang der Aare. Aber der banale und harmlose Vorfall beschäftigt mich doch eine Zeit lang: dieses den Staatsorganen ausgeliefert sein auf der einen Seite, auf der anderen Seite dann doch eine gewisse Notwendigkeit - gerade in Zeiten der Terrorangst - nach gewissen Individuen zu fahnden. Es dauert jedenfalls eine geraume Weile, bis ich heute meine Laune wieder finde. Soweit meine momentane Innenwelt. "Draussen" ist es augenblicklich fast surreal, denn wir radeln bei schönstem Wetter durch eine fast idyllisch zu nennende Landschaft, doch ein Kernkraftwerk beherrscht das ansonsten bäuerlich wirkende Land und entlässt eine riesige Dampfsäule in den blauen Himmel. Da gibt's nur eins: eine erste Pause in Olten! Kaffee und Orangensaft! Und es Gipfeli dazu!

Dann läuft's auf einmal ganz gut. Wir gleiten an Aarburg vorbei, erinnern uns daran, dass wir diese Strecke vor ein paar Jahren schon mal "gemacht" haben. Ein paar Minuten eine eher wenig attraktive Passage an der Autobahn entlang und plötzlich nimmt uns ein kühler und ruhiger Wald auf. In den Dörfern und Weilern, durch die wir dann kommen, gibt es sehr reich verzierte Gehöfte und Stallungen, die bis auf die Grundmauern aus Holz gebaut sind. Wuchtig, alt-erwürdig, dauerhaft.

 

Seit einiger Zeit wachsen rechts die Berge des Jura in die Höhe, die hellen Felsen im Mischwald wie Zähne in einem Gebiss. Die Aare, der wir damals als "die Geschändete" titulierten, erscheint uns heute teilweise relativ naturnah. Wir sehen Auwälder und Schilfzonen. Aber dann doch auch die Staustufen. Dort sind heute Badegäste, Spaziergänger und andere Naherholer zuhauf unterwegs. Also, die Aare…wir denken an die Loire mit ihrem breiten Flussbett, den Kies- und Sandbänken, den Altarmen…die Ungebändigte und Ungezähmte...

Solothurn. Barock-Overkill. Als wir ein Eis in der Fussgängerzone essen, scheint es mir wie damals, dass wir allmählich einer andere Kultur entgegen radeln, hier wirkt alles irgendwie südlicher. Vielleicht liegt's aber auch nur am Baustil, der jedoch eher an ein italienisches, denn an ein französisches Städtchen denken lässt. Jedenfalls nähern wir uns langsam dem Rösti-Graben, der Sprachgrenze, und man hört hier schon öfter mal den ein oder anderen französischen Satz.

Die nächsten Kilometer durch's Grenchner Witi sind zwar flach, aber der Weg ist relativ grob beschaffen und für die vielen Radler, die jetzt unterwegs sind, ist es einfach zu schmal, sodass wir sehr konzentriert fahren müssen. Die Storchensiedlung Altreu gefällt uns auch diesmal, aber wir machen nicht nochmals Pause, sondern quartieren uns im benachbarten Örtchen Staad auf einem Campingplatz ein. Der Platz mit dem gepflegten Rasen gehört zu einem Bauernhof und es scheint eher ein Privatclub mit Dauercampern zu sein. Aber nach dem das typisch misstrauische Beäugen seitens der Sesshaften vorüber ist, werden wir zaghaft nach dem Woher und Wohin gefragt und verleben einen gemütlichen Abend, der durch das Geklapper der Störche auf ihren Nestern ringsum untermalt wird.

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    Wieder ein schöner Tag...  
       
    ...naja...  
       
    Blick auf die Juraberge  
       
    Pause in Solothurn  
       
    Weiter an der Aare entlang  
       
    Feierabend  
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