Schaut gut aus, heute! Es wird die Königsetappe der gesamten Reise werden. Steigungsreich, heiss, Gegenwind, schöne Gegend, gute Laune und die Tachoanzeige wird am Schluss bei fast achtzig Kilometer stehen bleiben…

Es fängt schon gut an: wir sind schon um halb acht unterwegs und queren die Plaine de Bièvre auf einem leicht abschüssigen Weg im Morgenlicht. Uff, das ist ein Geschenk! Kaum treten, mit 25 KmH leise und leicht dahingleiten! Links die Ebene und die Schneeberge am Horizont, voraus baut sich allmählich der erste Höhenzug auf, den wir später überwinden werden. Zweimal können wir eine Kornweihe beim Jagen beobachten. Im Städtchen Thodure geht's aufwärts und aufwärts und aufwärts, wobei wir vom sonoren Schrei eines Pfaues begleitet werden. Nach langem Auf und ein bisschen Ab erreichen wir Le Grand-Serre. Hier gibt es eine grosse hölzerne Markthalle aus dem 13. Jahrhundert. Während wir im Schatten derselben eine Banane essen, kommt ein altes Männchen des Weges und erzählt von seiner Radfahrer-Laufbahn. Leider, meint er, machte irgendwann das Herz nicht mehr mit…hm...er wünscht uns "bon courage". Weiter geht es mehrere Kilometer den Berg hinan, aber was soll's: lieber so als unten im Rhônetal zwar flach dahinrollen, aber den Radlgenuss durch Lärm getrübt zu wissen und sich über den Schwerverkehr zu ärgern. Allen Unkenrufen zum Trotz erweist sich die Streetmachine als hervorragend bergtauglich - zumindestens für meine Art und Weise, Steigungen zu erklimmen. Im leichtesten Gang trete ich ruhig und gemütlich vor mich hin und konzentriere mich lieber auf die Dinge am Wegesrand, so zum Beispiel auf das Rebhuhn, dass recht lange braucht, bis es endlich vor mir die Flucht ergreift. Oder die vielen Mohn- und Kornblumen, die farblich so schön mit den allmählich vom grün ins gelb wechselnden Getreidefeldern harmonieren.

Irgendwann sind wir oben und dann geht's hinab! Wir rauschen durch St.-Christophe-et-le-Laris hindurch, gönnen uns ein Cola in einer Dorfwirtschaft, wo mich die Wirtin freundlich rügt, weil ich das Licht auf der Toilette zu löschen vergass. Jetzt gleiten wir das Flüsschen Herbasse entlang und es geht immer noch leicht bergab! Radlers Traum! Zwar bremst uns mittlerweile heftiger Gegenwind (Mistral?) aber trotzdem kommen wir zügig voran. Übrigens, falls ich es zu erwähnen vergessen habe: ich liebe dieses Land hier und fühle mich pudelwohl! Seit wir hier sind, wandeln wir jenseits der ausgetretenen Touristenpfade und radeln durch das ländliche Frankreich, wir klammern die grossen Städte entlang des Flusses aus - hauptsächlich um dem Stadtverkehr auszuweichen. Ausserdem kennen wir Städte wie Orange, Avignon, Valence oder Montelimar schon von früheren Reisen her.

 

Was sich gestern schon im Aussehen der Häuser andeutete und nun manifestiert, spiegelt sich nach St. Donat-s.-l'Herbasse auch im Erscheinungsbild der Landschaft wieder: wir sind in Südfrankreich angekommen! Die Vegetation ist nun eine Spur weiter voran: das Getreide ist leuchtend gelb, das Gras ausgebleicht, manchmal schon verbrannt. Bleiern wölbt sich der Mittagshimmel über dem Land, es ist recht beschwerlich, sich nun gegen den Wind voran zu arbeiten. Wir queren die Isère bei Chateauneuf-sur-Isère. Liebe Begegnungen sind die Pferdeherde auf einer grossen Weide, die forsch und neugierig auf uns zukommt, als wir anhalten um die schönen Tiere zu bewundern. Oder das Kamel und die Ponys ein paar Kilometer weiter.

Leider haben wir nicht mehr die Energie, das Dörfchen Alixan bzw. dessen Kirche zu besichtigen, die sich so herrlich vom Bergmassiv am Horizont abhebt. Um ehrlich zu sein, sind wir im Augenblick sogar ziemlich am Ende und schleppen uns seit den letzten zehn Kilometern nur mehr so dahin und machen Strecke. Dummerweise ist der angepeilte Campingplatz in Chabeuil auch noch einige Kilometer ausserhalb dieses Ortes hügelan Richtung des soeben erwähnten Bergmassives gelegen. Als wir dort ankommen, entpuppt sich der Platz erstmal als grosse Enttäuschung, denn es ist steinig, so dass ich keinen Zelthering in den Boden bekomme. Ausserdem sind die Parzellen recht eng. Rentnerpaare und Familien mit Kleinkindern betrachten uns Vagabunden mistrauisch - wie vorher in Staad. Aber nachher sitzen wir im Restaurant und beobachten das aufgedrehte Personal, dass vor lauter Spässen und Slapstick-Einlagen fast gar nicht zum Arbeiten kommt und machen zudem die Bekanntschaft eines amerikanischen Ehepaares, das ebenfalls mit dem Rad unterwegs ist. Die beiden sind in fünf Wochen von Rom aus hierher geradelt und haben nun noch mehr als vier Monate Zeit, um mit ihrem Tandem bis ans Nordkap zu radeln…uff…sowas weckt Bedürfnisse und Wunschträume…

Habe ich übrigens schon erzählt, dass ich dieses Land hier über alles mag? Ja? Der Côtes du Rhône macht wohl vergesslich…oder so... Als wir später zum Zelt zurück kommen fällt mir auf, dass das Hinterrad an Margrits Velo einen Platten hat. Das will also heute auch noch erledigt werden…

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    Und wieder so ein schöner Morgen!  
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    Die Markthalle in Le Grand-Serre  
    Kurz vor Chabeuil  
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